Die SV Ried ist wieder da
Ich habe in dieser Saison nicht an den Aufstieg geglaubt. Ich habe nach dem Unentschieden gegen Lustenau auch nicht (mehr) an den Trainer geglaubt. Das sage ich offen und ehrlich. Ich bin niemand, der permanent mit einer schwarz-grünen-Vereinsbrille herumläuft und alle Aussagen und Geschehnisse bedingungslos und ohne Hinterfragen akzeptiert. Durch meine Erziehung und Ausbildung ist es für mich ein Grundprinzip, Dinge kritisch zu sehen und zu hinterfragen.
Ich glaube übrigens auch erst seit Freitag um 22:32 MESZ an den Aufstieg. Wir Rieder sind gebrannte Kinder. Der Abstieg am letzten Spieltag in 2017. Der blamable Nichtaufstieg in 2018. Der Verlust der Tabellenführung in der drittletzten Runde in 2019 und damit der abermalige Nichtaufstieg. Das Herzschlagfinish in 2020. Der knappe Nichtabstieg in 2022. Der verdiente Abstieg in 2023. Das Ende jeder Hoffnung durch die Heimniederlage gegen den GAK in 2024. Und nun die Aufholjagd gegen die Admira.
Als SVR-Anhänger bewegt man sich seit 2017 nahezu permanent in einem metamorphischen Limbus zwische Himmel (Bundesliga) und Hölle (2. Liga). Bis auf wenige liebgewonnenen Ausnahmen (Anm. Grüße an die Jungs von der Zwarakonferenz) ist die 2. Liga in Österreich seit der Ligareform nämlich in jeglicher Hinsicht das Fegefeuer für Teams mit größeren Ambitionen.
Der Flaschenhals von nur einem Aufstiegsplatz bei 16 Teams, keine TV-Gelder, unberechenbare Zweier-Teams sowie Teams ohne Historie und/oder Fans und/oder Infrastruktur machen diese Spielklasse zu einem Ort, aus dem man einfach nur schnell raus will. Um aufzusteigen, muss man finanziell bis zu einem gewissen Punkt auch etwas riskieren und mitunter auch pokern (pun intended). Man darf sich am Transfermarkt kaum einen Fehler erlauben, man muss eine Mannschaft zusammenhalten können, ein funktionierendes System finden und dieses auch gegen alle Widerstände durchziehen. Und man muss zum richtigen Zeitpunkt auch einfach nur Glück haben. Dies alles ist heuer aufgegangen.
2025 ist nicht 2020
Im Gegensatz zum Aufstieg 2020 sind die Voraussetzungen für das Comeback 2025/26 deutlich besser. Damals war das Stadion aufgrund der Corona-Einschränkungen stets (halb-)leer, es konnte zu keinem Zeitpunkt nach dem Aufstieg eine Euphorie aufkommen. Ebenfalls wurde die Meistermannschaft zum Großteil auseinandergerissen und durch die kurze Sommerpause war die Vorbereitung mit einem neuen Team viel zu kurz. Später kam auch noch der Ukraine-Krieg mitsamt Stagflation ins Spiel, der auch die regionalen Sponsoren betroffen hat – die einen mehr, die anderen weniger.
Natürlich wird man die Mannschaft auch heuer zum Teil austauschen bzw. verstärken müssen, dies liegt auf der Hand. Die Schere zwischen Bundesliga und 2. Liga geht immer mehr auseinander, was man an der heurigen Saison des GAK sieht, der letztes Jahr noch souverän aufgestiegen war. Dennoch sollte und wird das Rückgrat der Mannschaft (u.a. Leitner, Havenaar, Sollbauer, Rasner, Bajic, Grosse) diesmal wohl größtenteils gehalten werden.
Für einzelne Spieler wird es im Sommer sicherlich wieder attraktive Angebote geben, diesen kann man durch die neugewonnenen finanziellen Mitteln jedoch (noch) mehr widerstehen. Durch die Sommer-Erlöse aus den Verkäufen von Arjan Malic und Belmin Beganovic (jeweils Sturm) konnte man bereits im Winter den gut dotierten Angeboten für Fabian Wohlmuth (WAC) und Nikki Havenaar (Japan) widerstehen. Ersterer hat gegen Sturm II das wohl emotionalste Tor der Saison erzielt und zweiterer landete bei der Wahl zum Spieler des Jahres auf dem 3. Platz.
Klare Rollenverteilung
Von der Führungsriege rund um Präsident Gahleitner hat man im letzten Jahr angenehm wenig gehört. Man scheint sich intern klar ausgeschnapst zu haben, wer an die Medien tritt und welche Dinge man generell nach außen kommuniziert. Dies war in Ried auch schon einmal komplett anders. Es gab in dieser Saison auch keinerlei Geplänkel zwischen Fans und Vorstand, was in der jüngeren Vergangenheit ebenfalls Seltenwert hat.
An jene Medien tritt im Normalfall Wolfgang Fiala. Ich durfte mich während meiner Tätigkeit für 90minuten.at mehrmals mit ihm unterhalten, einmal im Rahmen eines Interviews auch einige Stunden und habe jedes Mal verspürt, dass er ein absoluter Fachmann in seinem Job ist. Über diverse Kommentare in sozialen Medien (z.B. „Wos wollts mit dem Wiener“ oder „Warum niemand aus der Region?“) von unqualifizierten Personen, die keinsten Einblick in das tägliche Geschäft besitzen (und eigentlich immer nur nach Niederlagen kommentiert haben) kann und konnte ich meinen Kopf schütteln.
Fiala hat es in den letzten drei Jahren geschafft, den Verein sportlich zu stabilisieren und auch eine gemeinsame, symbiotische Linie zwischen Profis, JWR und AKA reinzubringen. Es werden und wurden endlich wieder Spieler aus dem eigenen Nachwuchs eingesetzt (und auch verkauft), die JW Ried spielen eine ausgezeichnete Rolle in der RLM, die AKA wird stetig verbessert und bringt immer wieder neue Spieler für die JWR heraus.
Auch die überwiegende Mehrheit der Transfers hat voll eingeschlagen. Als Beispiel sei hier Michael Sollbauer genannt. Im Sommer wurde geschimpft und gelacht, dass er Arjan Malic ersetzen solle. Bekommen hat man einen Musterprofi mit 100%-Einstellung am Platz, der neben Andi Leitner und Nikki Havenaar auch absolute Führungsqualitäten in die Mannschaft gebracht hat. Die drei genannten Spieler waren auch fast immer jene, die den restlichen Kader nach den Heimspielen von der West zur Nord gescheucht haben, um sich auch bei den dortigen Fans zu bedanken.
Kein hire&fire mehr?!
Der Vereinsführung und der sportlichen Führung ist es auch hoch anzurechnen, Max Senft das unbändige Vertrauen geschenkt zu haben. Es gab einige Punkte in dieser Saison (wie etwa die 2:4 Heimniederlage gegen St. Pölten oder die 0:1 Niederlage bei der Admira), an denen es bei der SVR im letzten Jahrzehnt wohl zu 95% einen Trainerwechsel gegeben hätte. Diese beiden Spiele haben übrigens auch mein Vertrauen in den Trainer schwer erschüttert.
Es wurden hier auch Fehler gemacht und man ist sich deren bewusst. Jeder macht Fehler. Wer behauptet, keine Fehler zu machen, der lügt. Am wichtigsten ist jedoch, dass man aus Fehlern lernt. Und genau dieses Gefühl hatte man nach der Auswärtsniederlage bei der Admira, maximal mit Ausnahme einer kurzen Phase rund um die Heimspiele gegen Amstetten, Lustenau und Sturm II, wo man den Sack jeweils nicht frühzeitig zugemacht hat.
Nach dem hochverdienten 2:0 im Heimspiel gegen die Admira hat man das Spiel gegen Sturm II in der 94. Minute für sich entschieden und anschließend mit dem souveränen 4:1 in Bregenz den Meistertitel fixiert. Übrigens zum ersten Mal, dass die SVR nicht am letzten Spieltag einer Saison (oder gar in einer Relegation) den Aufstieg fixiert hat.
Dass Max Senft nach dem Abstieg in 2023 (Anm. wenn ich mir heute den Kader von damals anschaue, war der Abstieg aus heutiger Sicht keine Überraschung) den Karren zwei Jahre später nun selbst aus dem Dreck ziehen durfte, ist in der jüngeren österreichischen Fußballgeschichte nahezu einzigartig.
Und deswegen vergönne ich ihm und seinem Staff den Aufstieg auch herzlich, weil der Druck und die Kritik und die Anfeindungen alles andere als lustig waren. Wie gesagt habe auch ich ihn oft genug kritisiert. Und geschimpft. Ich habe jedoch absolut kein Problem damit, jetzt sagen zu können, dass ich mich getäuscht habe.
Der Aufstieg ist verdient und erarbeitet
Die SVR ist übrigens nicht aufgestiegen, weil die Admira eingebrochen ist. Wenn man es so will, ist die SVR im Herbst eingebrochen. Die SVR hatte den Einbruch also zum besseren Zeitpunkt der Saison. Insgesamt hat die SVR die meisten Tore geschossen, die wenigsten erhalten, Platz 1 in der Heimtabelle, Platz 1 in der Auswärtstabelle, Platz 1 in der Frühjahrestabelle und stellt den Spieler des Jahres (Mark Grosse) sowie den Tormann des Jahres. Mit einem Sieg am Sonntag gegen die Vienna könnte man übrigens auch mit dem höchsten Punkteschnitt aller vier Aufstiege die eigenen Geschichtsbücher neu schreiben.
Um in Ried alle Kritiker verstummen zu lassen, müsste man vermutlich mit 30 Siegen aufsteigen (und auch dann würde vermutlich Kritik aufgrund der Höhe der Siege aufkommen). Als man vor dem Abstieg 2017 vier Jahre hintereinander nur (!) Platz 6 in der Bundesliga belegte, war die Taube auf dem Dach für viele auf einmal interessanter als der Spatz in der Hand. Doch mit Demut, Zurückhaltung und akribischer Arbeit ist man bei der SVR historisch immer am besten gefahren.
Prahler und Luftschlossbauer werden im Innviertel nicht geschätzt. Harte Arbeit und Bauernschläue (in der positiven Konnotation des Begriffs) hingegen sehr. Deswegen würde man gut daran tun, die Ziele für die Rückkehr in die Bundesliga realistisch zu formulieren. Nachdem man fünf der letzten acht Jahre nach der Ligareform in LigaZwa verbracht hat, hat man ehemals gleichwertige Vereine wie den WAC oder Hartberg finanziell gesehen vollkommen aus den Augen verloren.
Erst eine Stabilisierung mit einigen Jahren in der Bundesliga und die Fortsetzungs des bisherigen Wegs werden aus der SVR wieder einen schlagkräftigen Bundesligisten machen. Die Grundvoraussetzungen mit Fans und Zuschauern, Sponsoren, Infrastruktur, Akademie und Co. sind alle vorhanden. Ich sehe die SVR aktuell in guten Händen. Ich freue mich auf die Bundesliga. Doch zuvor freue ich mich auf die Meisterfeier am Sonntag und tausende strahlende Gesichter. Die SV Ried ist wieder da. Und ist diesmal hoffentlich auch gekommen, um (länger) zu bleiben.
Epilog: Das Ende (m)einer Ära
Am 16. April 2014 habe ich zum ersten Mal einen Blogbeitrag zur SV Ried verfasst. Damals noch in meinem längst stillgelegten Blog bei WordPress. Hier auf emprechtinger.com habe ich zuletzt 2020 etwas geschrieben. Zwischen 2020 und 2022 habe ich mehrere exklusive Artikel für 90minuten.at verfasst.
In den letzten Jahren wurde ich öfters gefragt, wieso ich nichts mehr schreibe. Vermutlich, weil ich schon so gut wie alles geschrieben und beschrieben hatte. Zwischen April 2022 und jetzt war es hier sehr ruhig, einerseits aufgrund meines berufsbegleitenden Masterstudiums, andererseits aufgrund meiner beruflichen Aufgabe.
Nun hatte ich die Chance, meine hobbymäßige „Fußballblogger-Karriere“ mit einem positiven Artikel beenden. So ist nach mehr als 11 Jahren, 46 Artikeln und mehr als 100.000 Wörtern rund um die Sportvereinigung Ried aus 1912 nun endgültig Schluss.
Ich bedanke mich für die größtenteils positive Resonanz und das Feedback über die Jahre hinweg, sowohl hier als auch in den diversen sozialen Medien, als auch in der Stadt und im Stadion. Ich habe hier immer versucht, fair zu bleiben und faktenbasiert zu schreiben. Für mich war der SVR-Blog sowas wie Schreibtherapie, um meine Gedanken zu verarbeiten, egal ob in guten oder schlechten Zeiten.
Ich habe dadurch auch viele tolle Menschen kennengelernt und Kontakte geknüpft. Die SVR ist für viele Personen und auch für mich mehr als nur ein Verein. Egal ob Bundesliga, 2. Liga oder Bezirksliga, man wird mich weiterhin immer im Stadion antreffen können und über die SVR diskutieren hören – auch kritisch.
Abschließend noch eine Übersicht inkl. Links zu meinen gesammelten Artikeln:
Bundesliga (2020 bis 2022)
20.04.2022 – Warum das Aus von Robert Ibertsberger bei der SV Ried nicht überraschend kommt (90min)
15.04.2022 – So will die SV Ried den Bundesliga-Klubs das Leben schwer machen (90min)
14.12.2021 – SVR-Jahresrückblick 2021: Trainer, Transfers, Triumphe, Tradition und Trauer (90min)
07.12.2021 – Ibertsberger: So tickt der fünfte SVR-Cheftrainer in 13 Monaten (90min)
29.11.2021 – Ried vs. Rapid: Beobachtung eines Spiels, bei dem zwei Serien halten (90min)
29.04.2021 – Das Netz des Andreas Heraf (90min)
10.03.2021 – OÖ-Derby: Eine lange Rieder Serie und ein klarer Favorit namens LASK (90min)
10.03.2021 – OÖ Derby: „Muslic hat sich bei seinre Antritts-PK die Latte hoch gelegt (90min)
15.12.2020 – Gerald Baumgartner, where did it all go wrong?
2. Liga (2017 bis 2020)
03.08.2020 – It’s a mad mad mad mad game
02.12.2019 – Die SV Ried ist Winterkönig
28.11.2019 – SV Ried: Mein Team der Dekade
03.06.2019 – Die SV Ried geht nicht weg
13.11.2018 – SV Ried: Jetzt ist schon wieder was passiert
30.10.2018 – Die schlechteste 2. Liga aller Zeiten?
12.08.2018 – Die SV Ried ist wieder ein Team
04.07.2018 – Thomas Gebauer will nicht um 10:30 spielen
26.05.2019 – Anatomie eines Nichtaufstiegs
18.04.2018 – #desisnetmeiverein
15.04.2018 – Die Kunst des Scheiterns
02.04.2018 – Das Ende der Ära Lassaad Chabbi in Ried
17.03.2018 – Und täglich grüßt das SVR-Murmeltier
10.03.2018 – Quo vadis SV Ried, Edition 2018
24.07.2017 – Zwischenfazit nach einem Saisondrittel
07.08.2017 – Das Debakel von Liefering
14.07.2017 – Die paradoxe Euphorie rund um die SV Ried
Bundesliga (2005 bis 2017)
16.05.2017 – Das Rieder Abstiegsszenario
03.04.2017 – Die bitterste Niederlage seit 2003
11.03.2017 – Wie erklärt man einen Abstieg?
05.12.2016 – Resümee zur Hinrunde der SV Ried
03.10.2016 – Turnaround durch Benbennek?!
07.08.2016 – SV Ried: 7 Gründe für den sportlichen Rückfall seit 2012
17.07.2016 – Von Mäusen und Menschen
01.02.2016 – Thomas Fröschl: Ein Dramolett in drei Akten
04.01.2016 – Die SVR steigt (nicht) ab, weil…
23.08.2015 – Der Befreiungsschlag
17.08.2015 – Paul Gludovatz: Die richtige (Zwischen-)Lösung
16.08.2015 – Quo vadis, SV Ried?
08.08.2015 – Abstiegskandidat #1
23.03.2015 – Das perfekte Fußballwochenende
17.12.2014 – Zeugnisvergabe bei der SV Ried
14.09.2014 – Die Talfahrt geht weiter
16.04.2014 – Interessiert keinen mehr.
Fotoquelle: Reinhard Schöckelsberger



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