Thomas Gebauer LASK

Knapp eineinhalb Monate sind seit dem Nichtaufstieg der SV Ried vergangen. Diese spielfreie Zeit war auch notwendig, um die Misserfolge der vergangenen beiden Spielzeiten aus dem Kopf zu bekommen. Abgesehen davon hat sowieso gerade die Fußball-WM in Russland die Welt in seinem Bann. Doch passend zur zweitägigen WM-Pause vor den Viertelfinalspielen gab es gestern und heute zwei Aufreger mit und rund um die SV Ried.

Aufreger #1 – Thomas Gebauer wechselt zum LASK

Wie aus heiterem Himmel wurde heute am Nachmittag bekannt gegeben, dass Thomas Gebauer die SVR mit sofortiger Wirkung verlässt und für die nächsten drei Jahren beim LASK unterschreibt.

Thomas Gebauer LASK

Dies kommt wohl für 99% aller Ried-Anhänger (und auch LASK-Anhänger) ziemlich überraschend. Besonders erfreulich bei diesem Wechsel, dass das Archiv auch die Rache des Hobbyjournalisten ist. Denn im März 2017 gab Gebauer bei einem Interview mit den OON folgenden Satz von sich:

Die Liga ist zweitrangig, mein Herz hängt an der SV Ried, und ich möchte in Österreich für keinen anderen Verein spielen.

So schnell kann man sich also um 180° drehen. Wenn man an unvermutete Wechsel nach Linz denkt, dann wurden bei einigen wohl auch Gedanken an den Nacht-und-Nebel-Wechsel von Oliver Glasner zum Lokalrivalen aus Linz vor das geistige Auge geführt. Doch diese beiden Wechsel unterscheiden sich massiv. Glasner war ein Anfänger als Profitrainer, dem von Stefan Reiter die Chance auf eine Trainerposition bei einem (wieder-)aufstrebenden Bundesligisten gegeben wurde. Er konnte seinen Kader nach Wunsch zusammenstellen (u.a. Thomas Murg, Stefan Lainer, Dieter Elsneg), seine eigene Spielphilosophie (das allseits beliebte RB-Pressing) verwirklichen und wurde auch im tiefsten Abstiegsschlamassel im Spätherbst nicht entlassen. Sein völlig überraschender Wechsel zum ASK in die zweite Liga am Pfingstwochenende fühlte sich damals für 100% der Rieder Fans wie Hochverrat an.

Gebauer ist nicht Glasner

Viel pragmatischer muss man dies bei Gebauer sehen. Ein 36-jähriger Tormann, dessen Leistungen in den letzten 2-3 Jahren maximal durchschnittlich waren, bekommt am Ende seiner Karriere nochmal die Chance auf ein nettes Fußballprofi-Gehalt und darf sich die Spiele der neuen 12er-Bundesliga aus nächster Nähe (von der Ersatzbank aus) ansehen. Außerdem kann die SVR gleichzeitig einen der Topverdiener von der Gehaltsliste streichen – der sportlichen Führung kam dies wohl nicht ungelegen, nachdem man den Sparstift sowieso an allen Ecken und Enden ansetzen muss.

Ich kann mir auch gut vorstellen, dass dieser Wechsel für das Mannschaftsgefüge nur förderlich sein kann, weil hier alte Seilschaften eingerissen werden und eine neue organische Führungsstruktur im Team aufgebaut werden kann. Nächster Kapitän kann und muss ein Feldspieler werden, mit Lukas Grgic habe ich bereits in meinem Saisonrückblick einen „echten Typen“ für diese Funktion vorgeschlagen (welche er auch heuer bereits bei einem Testspiel ausübte). Sein Interview mit den OON im Juni bestätigten mir dieses positive Gefühl zusätzlich.

Thomas Gebauer war zwölf Jahre lang in Ried, wurde Cupsieger und Vizemeister. Aber trotzdem wird er mir als Symbolfigur für den Abstieg des Rieder Fußballs (damit meine ich den Abstieg sowie den Nichtaufstieg) in Erinnerung bleiben. Die unzähligen leidvollen Blicke in Richtung der Westtribüne, die unzähligen Versuche mit den verstimmten Fans zu kommunizieren. Dieses Bild hat sich in meinem Gehirn eingebrannt. Ich wünsche ihm gesundheitlich und privat in der Stahlstadt nur das Beste, sportlich aber eine Vielzahl von „Was macht Gebauer da draußen?“-Aktionen – so viel gesunde Rivalität muss sein.

Aufreger #2 – Meisterschaftsspiele am Sonntag um 10:30

Am gestrigen Tag wurden von der Bundesliga die Spieltermine der ersten vier Spieltage fixiert. Nach dem Meisterschaftsbeginn mit dem OÖ-Derby beim Aufsteiger in Steyr (27. Juli, 19:10, auch live auf ORF Sport+) trägt die SVR ihr erstes Heimspiel am Wochenende danach aus. Und zwar am Sonntag um 10:30 am Vormittag. Nein, dies ist kein Scherz. Der erste große Shitstorm auf Facebook (und auch in anderen sozialen Kanälen) ließ erwartungsgemäß nicht lange auf sich warten. Auch meine erste Reaktion auf Twitter fiel im Affekt wenig freundlich aus, stieß aber mit knapp 6000 Impressions und 70 Interaktionen auf viel Interesse und Zustimmung.

Die neue Zweite Liga (die nun endlich wirklich zweite Liga heißt) ist eine unausgegorene Mischung aus Profimannschaften (z.B. Ried, Wiener Neustadt, Lustenau), Halbprofimannschaften (z.B. Lafnitz, Amstetten), Amateurteams von Bundesligisten (z.B. Wacker II, Young Violets) und Fake-Amateurteams von Bundesligisten (Liefering, OÖ Juniors). Die Spiele dieser Stiefkind-Liga finden immer dann statt, wenn man die Bundesliga im Fernsehen nicht stört (und damit meine ich sowohl die österreichische als auch die deutsche).

Neben dem ORF hat auch Laola1 die Bildrechte und darf infolgedessen die wöchentliche Sonntagspartie diktieren. Aufgrund der relativen Attraktivität der SVR (schon in der letzten Saison übertrug ORF Sport+ die mit Abstand meisten Spiele der Rieder, noch vor Wacker Innsbruck) kann man jetzt schon davon ausgehen, dass auch nach Runde 4 die eine oder andere Sonntagspartie in Ried angesetzt werden wird.

Aber warum spielt man überhaupt an einem Sonntag um 10:30? Wie ein User mit Wett-Know-How im ASB geschrieben hat, hat der Termin vor allem einen globalen Hintergrund, so blöd dies auch klingen mag. Man kann dadurch nämlich asiatische Wettmärkte bedienen, denen sonst um diese Zeit relativ langweilig ist. Die Spiele werden auch auf dem TV-Sender von Laola1 (zu empfangen u.a. via A1 TV) sowie auf Laola1.tv live übertragen. Gemessen an YouTube-Übertragungen von ÖFB-Cup-Spielen kann man hier jetzt schon sagen, dass dies eventuell 100-700 Menschen sein werden, die manchen Vereinen wiederum die x-fache Anzahl an Stadionbesuchern wegnehmen werden.

Nachteile bei Auswärtsspielen

Manche haben schon gesagt, dies wäre nicht so schlimm, in der Wiener Stadtliga hätte dieser Termin sogar Tradition. Liebe Leute, dort haben die gegnerischen Mannschaften (und vor allem FANS) auch keine dreistündigen Anreisen zu bewältigen. Die Fahrtzeit von Wattens nach Ried beträgt gemäß Google Maps knappe 2:40. Damit muss ein Fanbus irgendwann vor 07:00 wegfahren. Hier kann man sich fast schon überlegen, ob man am Abend davor fortgeht und durchmacht.

In der 9. Runde erwischt es dann auch die Rieder Fans, denn an diesem Spieltag ist das Auswärtsduell mit Wiener Neustadt (gemessen an der Vorsaison eines der absoluten Topspiele dieser Liga) für Sonntag um 10:30 angesetzt. Bei 2:55 Fahrtzeit darf man mit dem Bus spätestens um 06:30 losfahren. Kurzum: bei diesem Spieltermin (und vor allem den Ansetzungen) wurde der Faktor Auswärtsfan vollkommen ignoriert bzw. eliminiert.

Nachteile bei Heimspielen

Doch auch für Heimmannschaften hat dieser Spieltermin einschneidende Nachteile. Neben fehlenden TV-Geldern und weniger Sponsoreneinnahmen wird auch die Stadiongastronomie diesen Spieltermin in punkto fehlende Einnahmen zu spüren bekommen. Ich selber (und wohl auch viele andere treue Stadiongänger) haben die letzten Jahre hinweg bei den Abendpartien wohl regelmäßig 2-12 Halbe Bier konsumiert. Dies ist mit diesem Termin an diesem Wochentag einfach nicht möglich. Theoretisch schon, aber ich persönlich habe keine Lust dazu, einen Frühschoppen in der Josko Arena (so heißt übrigens jetzt unser Stadion) zu zelebrieren und mich so durch den Sonntag (und folglich durch den Montag) zu quälen.

Auch hinsichtlich Leistungsfähigkeit der Spieler ist es alles andere als förderlich, wenn einmal um 10:30, einmal um 14:00 und einmal um 19:10 gespielt wird. Je mehr hier variiert wird, desto schwieriger ist es für den Biorhythmus, sich optimal auf ein Match einzustellen.

10:30 gab es auch in den 90ern

Übrigens wurde auch schon früher einmal am Sonntag um 10:30 gespielt. Zwischen 1991 und 1994 (die älteren Semester werden sich erinnern) musste die SVR in der 2. Division insgesamt sechsmal an diesem Termin antreten. Viermal beim FavAC, einmal bei der Vienna, einmal in Donaufeld und einmal bei LUV Graz. Also stets in Großstädten, wo die kleineren Vereine versuchten, den Granden (Rapid, Austria, Sturm, GAK) großräumig auszuweichen. Die Zuschauerzahlen damals übrigens stets majestätisch: 700 beim FavAC, 700 bei der Vienna und 400 bei LUV Graz. Historische Zahlen zu diesen Spielen findet man in diesem Archiv.

Wie auch immer: ich persönlich rechne beim Spiel gegen Wattens mit dem schlechtesten Heimspielbesuch seit der Saison 2003/2004 und eine Zahl über 2000-2500 Besucher würde mich stark überraschen (wobei auch das Ergebnis in Steyr eine Rolle spielen wird).

Abseits der Aufreger – der neue Mannschaftskader

Als Dauerkartenbesitzer hat man letzte Woche die Information erhalten, dass das Budget für die kommende bei 3.8 Millionen liegen wird. Das ist beispielsweise deutlich mehr als beim Bundesligisten in Hartberg, die mit 2.8 Millionen kalkulieren. So konnte man sich mit der erneuten Leihe (mit Kaufoption) von Kennedy Boateng auch einen Spieler leisten, der für die Oststeirer nicht leistbar war.

Nach den Abgängen von Seifedin Chabbi (Gazisehir Gaziantep Futbol Kulübü / TUR), Thomas Fröschl (BW Linz) und Philipp Prosenik (hoffentlich irgendwas ohne Fußball) hat man mit Darijo Pecirep (CRO) vom Wiener Sport Club (letzte Saison 17 Tore in der RLO) bisher nur einen Stürmer verpflichtet. Hier könnte bis zum Saisonbeginn noch eine Verpflichtung vollzogen werden, auch wenn Thomas Mayer (der fünffache Torschütze vom letzten Saisonspiel gegen Kapfenberg) offensiver spielen soll und auch die Rolle von Stefano Surdanovic offensiver angelegt sein soll. Felix Hebesberger und Belmin Crcic waren vergangene Saison zwei der offensiven Aktivposten bei den Ried Amateuren, ersterer hat für diese Saison auch einen Jungprofivertrag erhalten.

Mit Mario Kröpfl (der ehemalige Kapitän des FAC, also ein Leadertyp) hat man einen Defensivspieler verpflichtet, der Ronny Marcos schnell vergessen machen wird – neben der Linksverteidigerposition kann er auch auf der Position des linken Innenverteidigers agieren. Der Abgang von Peter Haring (Hearts of Midlothian) wurde mit der Verpflichtung von Bojan Lugonja (BIH) aus Liefering kompensiert (einem „Gschropp“, wie wir letzte Saison beim Auswärtsspiel in Grödig feststellen mussten – den man aber gerne in der eigenen Mannschaft hat).

Auch Flavio Dos Santos (CPV) hat endlich seinen Pass erhalten (man glaubt es kaum) und kann im Spätherbst wohl als Option im Offensivspiel gesehen werden, wo er die Rolle von Ilkay Durmus (Wacker Innsbruck) übernehmen könnte. Mit dem bereits erwähnten Lukas Grgic sowie Marcel Ziegl und Julian Wießmeier konnte die gesamte Mittelfeldzentrale gehalten werden. Dazu kommt mit Ante Bajic aus Gurten ein Perspektivenspieler, der letzte Saison 24x in der RLM auflief und im offensiven Mittelfeld variabel einsetzbar ist.

Auf der Torhüterposition bekommt mit dem Neuzugang Johannes Kreidl aus Nürnberg nun ein junger Torhüter die Chance auf einen Stammplatz. Der 22-jährige Tiroler war zuletzt auch zweimal für die U21 von Werner Gregoritsch im Einsatz. Nach dem plötzlichen Abgang von Gebauer kann man allerdings damit rechnen, dass auf dieser Position vereinsseitig wohl noch reagiert und ein zweiter (erfahrener) Tormann geholt werden wird.

SV Ried Neuzugänge

Alles in allem gefällt mir der Kader bisher nicht schlecht, weil anscheinend stärker auf die Einstellung und auf den Charakter geachtet wurde als in der Saison zuvor. Außerdem hat man auch anderswo dazu gelernt, statt Großkotzigkeit setzt man heuer auf Understatement, Ziel ist es „eine junge Mannschaft weiterzuentwickeln„. Keine Rede mehr vom Meistertitel als Muss, obwohl man mit diesem Budget und diesem Kader sicher wieder zu den Favoriten zu zählen ist.

Die Gegner im Kampf um den Aufstieg sind wohl (abermals) Austria Lustenau, Wiener Neustadt und eventuell auch Austria Klagenfurt (Peter-Svetits-Alarm). Alle anderen Mannschaften dürfen nicht aufsteigen (Liefering, OÖ Juniors, Wacker II, Young Violets) oder wollen teilweise nicht aufsteigen (Lafnitz).

„Muss“ die SVR heuer aufsteigen?

Sollte man den Aufstieg auch in dieser Saison nicht schaffen, dann könnte es über kurz oder lang (eher über kurz) schlecht mit dem Profifußball in Ried aussehen. Auf Dauer gesehen kann man sich in dieser unattraktiven Liga mit Gruselankick-Zeiten wohl kein Profitum leisten. Und ohne Profitum gibt es auch keine Akademie mehr. Und ohne Akademie hat man keine Chance mehr, sich wirklich hoffnungsvolle Talente selber heranzuzüchten.

Daher bin ich knapp zwei Wochen vor Saisonbeginn (im ÖFB-Cup wurde uns gerade zum gefühlt 17. Mal ein Auswärtsspiel in Dornbirn zugelost) positiv gestimmt (trotz aller Aufreger) und hoffe darauf, dass alle Verantwortlichen die richtigen Lehren aus dem Versagen der Vorsaison(en) gezogen haben und kommende Saison auch wieder EINE SV Ried auf dem Platz stehen wird. Denn wie viele Tiefschläge und Tiefpunkte auch noch kommen mögen – die SV Ried ist (leider?) trotzdem die Droge die uns gefangen hat.

 

Bildquellen:
– Thomas Gebauer via lask.at,
– Mannschaftsbild via svried.at
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